2.366 deutsche Kommunen produzieren rechnerisch mehr Solarstrom, als sie selbst verbrauchen. Die Top 10 kommen auf das Fünf- bis Dreißigfache ihres eigenen Strombedarfs. Die Energiewende ist hier längst keine Zielmarke mehr, sondern Bilanz.
Die Champions sind keine Großstädte. Sondern Kleinstädte und Mittelorte zwischen 2.000 und 8.000 Einwohnern. Brandenburger Lausitz, ostdeutsche Tagebaufolge-Landschaften, fränkische Solarpark-Hochburgen. Wo Bevölkerungsdichte niedrig ist und Fläche verfügbar, steigt die Pro-Kopf-Bilanz rasant.
Doch wie wird Solar-Versorgung eigentlich gemessen, wenn der Strom meist ins Netz fließt? Genau das analysiert dieser Solarlokal Report auf Basis der vollständigen Auswertung aller im Marktstammdatenregister erfassten PV-Anlagen, kommunaler Stromverbrauchs-Schätzungen und Bevölkerungsdaten.
| Ausgewertete Kommunen | 10.220 |
| über 50 % Solar-Versorgung | 4.908 |
| über 80 % Solar-Versorgung | 3.051 |
| über 100 % Solar-Versorgung | 2.366 |
| über das 5-fache | 369 |
| Spitzenreiter ab 2.000 EW | Neuhardenberg |
| Spitzenwert | 33,4 × |
| Dominantes Bundesland | Rheinland-Pfalz (28 von Top 100) |
Was Solar-Versorgung wirklich heißt
Versorgungsgrad ist eine Bilanzrechnung. Wir teilen die Jahres-Solarproduktion einer Kommune durch ihren geschätzten Stromverbrauch. Erreicht eine Gemeinde 100 Prozent, kommt rechnerisch eine Kilowattstunde Solar auf jede verbrauchte Haushalts-Kilowattstunde.
Wichtig: Die Bilanz ist eine Jahres-Summe. Solarstrom fließt mittags, der Verbrauch dagegen morgens und abends. Wer 200 Prozent Versorgungsgrad erreicht, kann zur Mittagszeit Strom exportieren, im Winterabend trotzdem Netzstrom beziehen. Eine echte Autarkie sieht anders aus, ist aber ohne große Speicher heute kaum möglich.
Die Top 10 Solar-Versorgungs-Champions
Hier sind die zehn Kommunen mit dem höchsten Solar-Versorgungsgrad, Mindestgröße 2.000 Einwohner:
| Kommune | Versorgungsgrad | EW | Leistung | Bundesland | |
|---|---|---|---|---|---|
| #1 | Neuhardenberg | 33,4 × | 2.628 | 309,0 MW | Brandenburg |
| #2 | Moos (Niederbayern) | 28,9 × | 2.174 | 209,1 MW | Bayern |
| #3 | Neukieritzsch | 22,2 × | 5.514 | 440,5 MW | Sachsen |
| #4 | Boitzenburger Land | 20,0 × | 3.559 | 257,2 MW | Brandenburg |
| #5 | Calvörde | 19,0 × | 3.678 | 252,5 MW | Sachsen-Anhalt |
| #6 | Gumtow | 17,8 × | 3.601 | 229,7 MW | Brandenburg |
| #7 | Elsterheide | 17,3 × | 3.757 | 233,6 MW | Sachsen |
| #8 | Angern | 17,3 × | 2.100 | 130,1 MW | Sachsen-Anhalt |
| #9 | Eggebek | 16,3 × | 2.557 | 157,7 MW | Schleswig-Holstein |
| #10 | Glaubitz | 12,1 × | 2.032 | 87,0 MW | Sachsen |
Bei Neuhardenberg entstehen rein rechnerisch 33 Kilowattstunden Solarstrom für jede tatsächlich verbrauchte Haushalts-Kilowattstunde. Selbst die Top-10-Nummer-10 (Glaubitz) liegt noch beim 12-fachen.
Warum diese Kommunen, und keine anderen
Vier Faktoren fallen in den Daten auf. Sie überschneiden sich, treten aber selten alle vier gleichzeitig auf.
Geringe Einwohnerdichte plus Konversionsflächen. Ehemalige Tagebau-Areale in der Lausitz, alte Militärgelände, Bahn-Flächen. Hier sind Solar-Park-Pachten konkurrenzlos günstig, und die wenigen Anwohner verbrauchen anteilig kaum Strom.
Privatinvestoren mit Flächenzugang. Viele der Top-10-Gemeinden haben einen oder zwei dominante Solar-Park-Projekte, die das gesamte Bilanz-Verhältnis kippen. Kein klassischer Hausbesitzer-Markt, sondern Projektentwickler-Geschäft.
Niedriger Industriebesatz. Wo kein großes Gewerbe sitzt, ist der Eigenverbrauch der Gemeinde gering. Eine Aluhütte oder ein Großbetrieb würde den Versorgungsgrad dramatisch nach unten ziehen.
Frühe Genehmigungspraxis. Brandenburg und Sachsen haben Solarparks oft schneller durch Bebauungspläne gebracht als Bayern oder NRW. Das hat einen kumulativen Effekt: Wer früh anfing, hat heute mehr installierte Leistung pro Einwohner.
Welche Bundesländer dominieren
Wenn wir die Top-100 anschauen, sticht ein Cluster deutlich heraus.
Rheinland-Pfalz stellt 28 der Top-100 Versorgungs-Champions, gefolgt von Schleswig-Holstein mit 25. Drei der vier ostdeutschen Flächenländer dominieren die Liste: Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Bayern als großer Solarmarkt erscheint vor allem mit niederbayerischen Kleinstädten in den oberen Rängen.
Was passiert mit dem überschüssigen Strom
Eine Gemeinde mit 1.500 Prozent Versorgungsgrad produziert das Fünfzehnfache ihres rechnerischen Verbrauchs. Dieser Strom verlässt die Gemarkungsgrenze und wird ins Mittelspannungs- oder Hochspannungsnetz eingespeist. Genau hier liegt eine der wenigen echten Herausforderungen.
In Regionen mit vielen großen Solarparks geraten die Verteilnetze an ihre Grenzen. Wenn an einem sonnigen Frühlingstag alle Anlagen gleichzeitig einspeisen, müssen Übertragungsnetzbetreiber gegensteuern, indem sie einzelne Anlagen kurzfristig drosseln. Das nennt sich Redispatch und kostet Geld, das letztlich auf die Stromrechnung umgelegt wird.
Die Lösung sind Speicher in Kombination mit Solarparks. Sie nehmen den Mittagsstrom auf und geben ihn abends ab. Brandenburg und Sachsen haben in den letzten zwei Jahren mehrere Großbatterien im 100-MW-Bereich genehmigt, oft direkt neben den großen Solarparks.
Was das für andere Kommunen bedeutet
Die Top-10 sind Sonderfälle, geprägt durch Solarparks. Was zeigt der Mittelwert? Von den 10.220 ausgewerteten deutschen Kommunen erreichen 4.908 mindestens 50 Prozent Solar-Eigenversorgung im Jahres-Verhältnis. Das sind ungefähr 48 Prozent aller Gemeinden.
Eine Großstadt wird diesen Wert nie erreichen, dafür sind Verbrauch und Bebauungsdichte zu hoch. Aber eine durchschnittliche deutsche Mittelstadt mit 25.000 Einwohnern und einer typischen Dachflächen-Quote kommt heute auf 20 bis 40 Prozent Solar-Anteil. Tendenz steigend.
Was 2025 zeigt
Es ist eine ungewöhnliche Bilanz: Während die deutsche Politik noch über Solarpflicht und Förderprogramme debattiert, haben Hunderte kleiner Kommunen ihre Energiewende rechnerisch schon hinter sich. Die Champions sitzen nicht in den Metropolen, sondern in Orten, die viele auf der Deutschlandkarte erst suchen müssen.
Die nächste Etappe ist nicht mehr die Leistung, sondern die Verteilung. Wer den überschüssigen Solarstrom intelligent in Wärme, E-Mobilität und Speicher umsetzt, holt aus 100 Prozent Solar-Bilanz auch echte Autarkie. Das passiert heute eher leise als laut, und genau dort wird die spannende zweite Welle der Energiewende laufen.
Datenquellen: Bundesnetzagentur Marktstammdatenregister (Stand 20. Mai 2026), Destatis-Bevölkerungsfortschreibung, eigene Berechnungen zum Versorgungsgrad. Die Werte sind rechnerische Jahres-Bilanzen, kein direktes Maß für lokal verbrauchten Solarstrom.